Fibromyalgie: Bewegung als Therapie

Patientin trainiert am kompletten Sensopro-Gerät mit Seilsystem, ein Therapeut steht hinter ihr, Standort Wipkingen
Inhaltsverzeichnis

Von Barbara Victorio, Physiotherapeutin bei Kineo Wipkingen

Wenn der ganze Körper schmerzt

Schmerzen an vielen Stellen, die wandern und nicht verschwinden. Dazu Müdigkeit, schlechter Schlaf und Tage, an denen schon der Einkauf zu viel ist. Viele Menschen mit Fibromyalgie haben einen langen Weg hinter sich, bis sie eine Diagnose bekommen, und hören dann oft: «Bewegen Sie sich mehr.» Das klingt einfach, fühlt sich aber schwer an, wenn jede Anstrengung die Schmerzen verstärkt.

In diesem Artikel erklären wir, warum Bewegung bei Fibromyalgie trotzdem so wichtig ist und wie du einen Einstieg findest, der dich nicht überfordert.

Was Fibromyalgie ist

Fibromyalgie ist ein chronisches Schmerzsyndrom mit weit verbreiteten Schmerzen in Muskeln und Weichteilen, oft verbunden mit Erschöpfung, Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen. Die Diagnose stellt die Ärztin oder der Arzt, nachdem andere Erkrankungen wie entzündliches Rheuma oder Schilddrüsenprobleme ausgeschlossen wurden.

Man geht heute davon aus, dass bei Fibromyalgie die Schmerzverarbeitung im Nervensystem verändert ist. Das Nervensystem reagiert empfindlicher, und Reize, die sonst kaum stören, werden als schmerzhaft wahrgenommen. Fachlich spricht man von zentraler Sensibilisierung. Wichtig: Die Schmerzen sind real, auch wenn Röntgen oder Blutwerte unauffällig sind. Und sie bedeuten nicht, dass Muskeln oder Gelenke geschädigt werden.

Warum Bewegung wirkt

Bewegungstherapie gehört in internationalen Behandlungsempfehlungen, etwa denen der europäischen Rheumafachgesellschaft EULAR, zu den am besten belegten Massnahmen bei Fibromyalgie. Regelmässige, gut dosierte Bewegung kann helfen:

  • Schmerzen und Müdigkeit zu lindern
  • den Schlaf zu verbessern
  • die körperliche Leistungsfähigkeit im Alltag zu steigern
  • die Stimmung und das Gefühl von Kontrolle über den eigenen Körper zu stärken

Geeignet sind vor allem Ausdauertraining mit niedriger bis mittlerer Intensität, zum Beispiel Gehen, Velofahren oder Bewegung im warmen Wasser, sowie sanftes Krafttraining. Auch Tai Chi oder Yoga werden von vielen gut vertragen.

Trainingsfläche bei Kineo Wipkingen mit Kraftgeräten, Velo-Ergometer, Kettlebells und Empfang im Hintergrund
Ausdauer auf dem Velo-Ergometer lässt sich bei Fibromyalgie besonders fein dosieren.

Die Falle: Gute Tage, schlechte Tage

Viele Betroffene kennen das Muster: An einem guten Tag wird alles nachgeholt, was liegen geblieben ist. Danach folgen zwei, drei Tage mit starken Schmerzen und Erschöpfung. Dieses Auf und Ab nennt man Boom-Bust-Zyklus. Auf Dauer führt es oft dazu, dass man immer weniger macht.

Der Ausweg heisst Pacing: Du planst deine Aktivität so, dass sie an guten und schlechten Tagen ähnlich bleibt, und steigerst sie in kleinen Schritten. Lieber an fünf Tagen 10 Minuten gehen als an einem Tag zwei Stunden.

Was du selbst tun kannst

  • Startpunkt finden: Wie viele Minuten Gehen oder Velofahren schaffst du an einem durchschnittlichen Tag, ohne dass es dir am nächsten Tag deutlich schlechter geht? Beginne etwas darunter.
  • Langsam steigern: Alle ein bis zwei Wochen ein paar Minuten mehr, wenn die letzte Stufe gut vertragen wurde.
  • Sanft kräftigen: Aufstehen vom Stuhl, Wandliegestütz und Rudern mit leichtem Band, je 1–2 x 8–10, zwei Tage pro Woche. Später auf 3 Sätze erhöhen.
  • Anstrengung einschätzen: Auf einer Skala von 0 bis 10 eher im Bereich 3–5. Du solltest dich noch unterhalten können.
  • Schlaf und Pausen bewusst einplanen. Ein regelmässiger Tagesrhythmus hilft vielen.
  • Beschwerdetagebuch: Aktivität, Schlaf und Schmerz notieren zeigt oft Muster, die man sonst übersieht.

Lass neue oder veränderte Beschwerden immer ärztlich abklären, etwa geschwollene Gelenke, Fieber, ungewollten Gewichtsverlust oder neue Lähmungserscheinungen. Nicht jedes neue Symptom gehört automatisch zur Fibromyalgie.

So begleiten wir dich bei Kineo

Bei Fibromyalgie geht es nicht darum, einzelne schmerzende Stellen zu behandeln, sondern dir einen Weg zu zeigen, wie du wieder mehr Bewegung in deinen Alltag bringst.

1. Befund: Das klären wir im ersten Termin

  • Gespräch: Beschwerdeverlauf, Schlaf, Alltag, Arbeit und bisherige Erfahrungen mit Bewegung
  • Ziele: Was möchtest du wieder können? Zum Beispiel einen Spaziergang mit Freund:innen oder den Wocheneinkauf ohne Pause
  • Belastbarkeit messen: zum Beispiel der 6-Minuten-Gehtest oder wie oft du in 30 Sekunden vom Stuhl aufstehen kannst
  • Beweglichkeit und Kraft der grossen Muskelgruppen
  • Aktivitätsmuster: Gibt es ein Auf und Ab mit Überlastung und Erschöpfung?

2. Behandlung in Phasen

  • Woche 1–4: Verstehen und Basis finden. Wir erklären, wie Schmerz entsteht, legen deinen Startwert fest und beginnen mit kurzen Einheiten Ausdauer und zwei bis drei einfachen Kraftübungen.
  • Woche 4–12: Schrittweise steigern. Dauer zuerst, dann Intensität. Kraftübungen auf 2–3 Sätze à 8–12 Wiederholungen. Rückschläge planen wir mit ein und passen an, statt aufzuhören.
  • Ab etwa Woche 12: Selbstständig werden. Ein Programm, das du allein oder in einer Gruppe weiterführst, mit klaren Regeln, wie du an schlechten Tagen anpasst.

3. Diese Kineo-Leistungen setzen wir gezielt ein

Passive Behandlungen: Hilfe, aber nicht die Hauptsache

Massage oder Wärme empfinden viele Menschen mit Fibromyalgie als wohltuend. Das darf seinen Platz haben, etwa um an einem schwierigen Tag den Einstieg in die Bewegung zu erleichtern. Langfristig hilft aber vor allem, was du selbst tust: regelmässige Bewegung, ein gleichmässiger Tagesrhythmus und das Wissen, dass Schmerz bei Fibromyalgie nicht gleich Schaden bedeutet. Unsere Rolle sehen wir als Begleitung auf diesem Weg.

Patientin trainiert am kompletten Sensopro-Gerät mit Seilsystem, ein Therapeut steht hinter ihr, Standort Wipkingen
Am Sensopro trainierst du Koordination und Körpergefühl mit wenig Belastung für die Gelenke.

Aus unserer Praxis

Viele Menschen mit Fibromyalgie kommen mit der Erfahrung zu uns, dass Training ihnen geschadet hat. Meist war der Einstieg zu schnell oder zu intensiv. Wenn wir sehr klein anfangen und die Steigerung an die Reaktion der Folgetage anpassen, erleben viele zum ersten Mal, dass Bewegung ihnen gut tut.

Begleitetes Training bei Kineo Wipkingen

Bei Kineo Wipkingen an der Röschibachstrasse 79 am Röschibachplatz findest du eine ruhige Trainingsfläche mit Kraftgeräten, Velo-Ergometer und dem Sensopro-Koordinationstrainer. So lässt sich das Training sehr fein dosieren und mit der Physiotherapie verbinden. Mehr zum Standort auf der Seite von Kineo Wipkingen.

Häufige Fragen

Schadet Training bei Fibromyalgie?

Nein, wenn es gut dosiert ist. Mehr Schmerz nach Bewegung bedeutet bei Fibromyalgie in der Regel keine Schädigung. Er zeigt aber, dass die Dosis etwas zu hoch war.

Was mache ich an einem schlechten Tag?

Nicht ganz aufhören, sondern reduzieren. Zum Beispiel die Hälfte der üblichen Zeit und nur die leichtesten Übungen.

Wie schnell merke ich eine Verbesserung?

Das ist sehr individuell. Oft braucht es einige Wochen regelmässiger Bewegung, bis sich Schlaf, Energie oder Schmerz spürbar verändern.

Übernimmt die Krankenkasse die Physiotherapie?

Ja. Mit einer ärztlichen Verordnung übernimmt die Grundversicherung deiner Krankenkasse die Kosten. Kineo ist bei allen Krankenkassen anerkannt.

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