ISG-Schmerzen: Wenn das Kreuz-Darmbein-Gelenk schmerzt

Patientin steht auf einem Bein auf einer Plyobox und hebt das andere Bein seitlich ab, ein Therapeut beobachtet
Inhaltsverzeichnis

Von Flin Jaggy, Physiotherapeut bei Kineo Wipkingen

Wenn es tief unten im Rücken sticht

Der Schmerz sitzt einseitig, ganz unten im Rücken, knapp neben dem Kreuzbein. Du kannst mit dem Finger fast genau darauf zeigen. Er meldet sich beim Aussteigen aus dem Auto, beim Treppensteigen, beim Umdrehen im Bett oder wenn du länger auf einem Bein stehst. Manchmal zieht er ins Gesäss oder hinten in den Oberschenkel.

Oft fällt dann der Satz: «Das ISG ist blockiert.» Was wirklich dahintersteckt und warum Kräftigung meist mehr bringt als das «Einrenken», erklären wir in diesem Artikel.

Was ist das ISG?

Das Iliosakralgelenk, kurz ISG, verbindet das Kreuzbein mit den beiden Darmbeinen des Beckens. Auf jeder Seite gibt es eines. Es ist ein sehr stabiles Gelenk mit unregelmässigen Gelenkflächen und kräftigen Bändern. Seine Aufgabe ist es, Kräfte zwischen Wirbelsäule und Beinen zu übertragen, etwa beim Gehen, Laufen und Heben. Die Bewegung im Gelenk ist dabei sehr klein.

Gesäss-, Rücken-, Bauch- und Beckenbodenmuskulatur arbeiten eng mit dem ISG zusammen. Sie spannen das Becken wie ein Korsett und sorgen dafür, dass es bei Belastung stabil bleibt.

Mythos: Das ISG ist verschoben

Ein ISG «springt» nicht heraus und lässt sich auch nicht einfach zurückschieben. Die Bewegung im Gelenk ist dafür viel zu klein und die Bänder sind zu kräftig. Wenn sich nach einer manuellen Behandlung der Schmerz bessert, liegt das vor allem an der Wirkung auf Nerven, Muskeln und Schmerzverarbeitung. Das kann sehr hilfreich sein, um wieder in Bewegung zu kommen. Die Vorstellung eines ausgerenkten Gelenks führt aber oft dazu, dass Betroffene sich unnötig schonen oder Angst vor Bewegung bekommen.

Therapeutin führt eine manuelle Rotation von Becken und Lendenwirbelsäule durch, Patientin in Rückenlage
Manuelle Techniken an Becken und Lendenwirbelsäule können in der ersten Phase den Schmerz lindern.

Typische Ursachen und Situationen

  • Schwangerschaft und die Zeit danach: Hormone lockern die Bänder, das Becken muss mehr Gewicht tragen. Beckengürtelschmerzen sind in dieser Phase häufig.
  • Einseitige Belastungen wie Laufen mit vielen Kilometern, Sprungsportarten, Golf oder Arbeiten mit viel Drehen und Heben
  • Stürze aufs Gesäss oder ein unerwarteter Tritt ins Leere
  • Wenig Kraft in der Gesäss- und Rumpfmuskulatur, etwa nach längerer Pause
  • Entzündliche Erkrankungen wie ein Morbus Bechterew, die das ISG oft früh betreffen

Typische Symptome

  • Einseitiger Schmerz unterhalb der Gürtellinie, über dem Knochenvorsprung neben dem Kreuzbein
  • Ausstrahlung ins Gesäss, in die Leiste oder hinten in den Oberschenkel, meist nicht unter das Knie
  • Schmerz beim Stehen auf einem Bein, Treppensteigen, Umdrehen im Bett oder Aussteigen aus dem Auto
  • Langes Sitzen auf der betroffenen Seite ist unangenehm

Warnzeichen: Wann du ärztlich abklären lassen solltest

Lass Rückenschmerzen ärztlich abklären, wenn sie in der zweiten Nachthälfte wecken, mit langer Morgensteifigkeit einhergehen, die sich bei Bewegung bessert, und wenn du jünger als etwa 45 Jahre bist. Das sind typische Hinweise auf eine entzündliche Ursache. Ebenfalls sofort abklären: Fieber, ungewollter Gewichtsverlust, Schmerzen nach einem schweren Sturz, Lähmungen, Taubheit im Intimbereich oder Probleme beim Wasserlassen.

So behandeln wir ISG-Schmerzen bei Kineo

Bevor wir behandeln, klären wir, ob das ISG wirklich die Schmerzquelle ist. Lendenwirbelsäule, Hüfte und ISG machen sehr ähnliche Beschwerden.

1. Befund: Das untersuchen wir im ersten Termin

  • ISG-Provokationstests nach Laslett: Distraktion, Kompression, Thigh Thrust, Sakrum Thrust und Gaenslen-Test. Je mehr davon den bekannten Schmerz auslösen, desto wahrscheinlicher ist das ISG beteiligt.
  • Lendenwirbelsäule ausschliessen: Wiederholte Bewegungen, neurologische Tests und Nervenspannungstests
  • Hüftgelenk: FADIR- und FABER-Test sowie Beweglichkeit im Seitenvergleich
  • Belastungstests: Active Straight Leg Raise (gestrecktes Bein in Rückenlage anheben), Einbeinstand und Kniebeuge auf einem Bein
  • Kraft und Kontrolle: Gesässmuskulatur, seitlicher Rumpf und bei Bedarf Beckenboden

2. Behandlung in Phasen

  • Phase 1, Woche 1–2: Schmerz senken. Manuelle Techniken und Weichteilbehandlung, schmerzarme Bewegung, Tipps fürs Schlafen und Sitzen. Aktivierung der Gesäss- und Bauchmuskulatur, 3 x 10 ruhige Wiederholungen.
  • Phase 2, Woche 2–6: Stabilität aufbauen. Brücke, Seitstütz und Übungen auf einem Bein, 3 x 8–12 Wiederholungen bzw. 3 x 20–30 Sekunden, zwei- bis dreimal pro Woche.
  • Phase 3, ab Woche 6: Belastbarkeit. Kreuzheben, Ausfallschritte, Tragen und sportartspezifische Bewegungen mit steigender Last.
  • Rückkehr in den Sport: Einbeinige Sprünge, Laufen und Drehbewegungen ohne Schmerzreaktion am Folgetag.

3. Diese Kineo-Leistungen setzen wir gezielt ein

Drei Übungen für ein stabiles Becken

  1. Brücke: Rückenlage, Füsse aufgestellt. Becken anheben, bis Oberkörper und Oberschenkel eine Linie bilden, 2 Sekunden halten, langsam senken. 3 x 12. Steigerung: auf einem Bein.
  2. Seitstütz: Auf dem Unterarm, Knie gebeugt. Becken anheben und halten, ohne nach vorne oder hinten zu kippen. 3 x 20–30 Sekunden pro Seite. Steigerung: Beine gestreckt.
  3. Einbeinstand mit Hüftkippen: Auf dem schmerzhaften Bein stehen, Becken bleibt waagrecht. Oberkörper leicht nach vorne neigen und wieder aufrichten. 3 x 8 pro Seite.

Die Übungen dürfen leicht spürbar sein. Wird der Schmerz in den folgenden 24 Stunden deutlich stärker, reduziere die Dosis.

Was ist mit Beckengurt und Einlagen?

Ein Beckengurt kann vor allem in der Schwangerschaft kurzfristig entlasten und Bewegungen angenehmer machen. Er ersetzt aber keine Kräftigung. Einlagen und Beinlängenausgleich sind nur dann sinnvoll, wenn ein deutlicher und gemessener Unterschied besteht. Kleine Unterschiede in der Beinlänge sind sehr verbreitet und meist kein Grund für Schmerzen.

Patientin steht auf einem Bein auf einer Plyobox und hebt das andere Bein seitlich ab, ein Therapeut beobachtet
Übungen im Einbeinstand trainieren die Beckenkontrolle, die das ISG stabil hält.

Aus unserer Praxis

Viele unserer Patient:innen waren schon mehrmals zum «Einrenken» und hatten danach jeweils für ein paar Tage Ruhe. Sobald sie die Gesäss- und Rumpfmuskulatur regelmässig trainieren, werden die Abstände zwischen den Schmerzphasen grösser, und oft verschwinden die Beschwerden ganz. Wer verstanden hat, dass das ISG nicht «draussen» ist, bewegt sich auch wieder freier und mit weniger Angst.

Behandlung und Training in Wipkingen

Bei Kineo Wipkingen an der Röschibachstrasse 79 am Röschibachplatz gehören Rückenbehandlungen zu unseren Schwerpunkten. Auf der Trainingsfläche mit Kraftgeräten und Rack trainierst du Brücke, Kreuzheben und Ausfallschritte unter Anleitung. Mit dem Sensopro-Koordinationstrainer üben wir die Beckenkontrolle auf einem instabilen Untergrund. Mehr zum Standort findest du unter Kineo Wipkingen.

Häufige Fragen

Kann ich mein ISG selbst einrenken?

Nein, und das ist auch nicht nötig. Das Gelenk ist nicht verschoben. Bewegung und gezielte Übungen helfen deutlich nachhaltiger.

Darf ich mit ISG-Schmerzen joggen?

Oft ja, mit angepasster Dauer und Intensität. Bergab-Läufe und lange Schritte belasten das ISG meist mehr. Wir passen die Dosis mit dir an.

Wie lange dauert ein Termin?

Ein Termin dauert 30 Minuten. Im ersten Termin klären wir die Ursache und starten direkt mit Behandlung und Übungen.

Übernimmt die Krankenkasse die Physiotherapie?

Ja. Mit einer ärztlichen Verordnung übernimmt die Grundversicherung deiner Krankenkasse die Kosten. Kineo ist bei allen Krankenkassen anerkannt.

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